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Masterclass mit Albert Serra 

Forum Filmregie Masterclass

Albert Serra

Zu Gast

Albert Serra (*1975) ist in mehrfacher Hinsicht ein kompromissloser Filmemacher. Er folgt kaum einem Drehbuch, seine Filme basieren auf Improvisation und sind frei von narrativen Konventionen. Seine innovativen Bearbeitungen klassischer Stoffe – Don Quijote, Die Heiligen Drei Könige, Dracula, Casanova, Ludwig XIV., usw. – und seine unorthodoxe Herangehensweise an die Kameraarbeit (die eng mit seiner Aversion gegen Schauspieler zusammenhängt) brachten ihm den Beinamen radical classic“ ein.

Sein Werk umfasst Spiel‑, Dokumentar- und Experimentalfilme, die regelmäßig auf den renommiertesten Filmfestivals vertreten sind, sowie Videokunst, mit der er beispielsweise zur Documenta 13 eingeladen wurde. Er ist ungefähr so produktiv wie eines seiner großen Vorbilder Rainer Werner Fassbinder – und nicht weniger exzentrisch.

Die Masterclass wird um 13:30 Uhr mit einem Screening von Serras erstem Spielfilm Honor de Cavalleria (Spanien 2006, 107 min) eröffnet, einer losen Adaption von Cervantes‘ Klassiker Don Quixote“, mit Laiendarstellern und geringsten Mitteln auf DV gedreht, welcher nach seiner Première in der Quinzaine des Réalisateurs sofort zum Klassiker avancierte.

Ab 16:00 Uhr gibt Serra in einem ausführlichen Gespräch einen Einblick in die Prinzipien seiner Arbeit.

Wer möchte, kann sich um 19:00 Uhr auch noch Serras neuesten Film Pacifiction (Frankreich, Spanien, 2022, 162 min) ansehen, ebenso wie die Q&A im Anschluss. Pacifiction läuft ab 2.12. auch regulär im Kino.

Programm

Freitag, 2. Dezember 2022

13:3015:30 Uhr
Metro Kino, Pleskow Saal
Honor de Cavalleria (Spanien, 2006, 107 min)

16:0018:00 Uhr
Metro Kino, Pleskow Saal
Masterclass mit Albert Serra
(Moderation: Patrick Holzapfel)


* 19:0022:00 Uhr
Gartenbau Kino
Pacifiction (Frankreich, Spanien, 162 min)
mit anschließender Q&A
(Moderation: Patrick Holzapfel)

RSVP

Der Eintritt zum Screening von Honor de Cavalleria und zur Masterclass sind frei. Der Pleskow Saal hat nur 49 Plätze, die vorranging an Mitglieder des Regieverbandes vergeben werden. Deshalb ist eine Reservierungsanfrage unter office@​austrian-​directors.​com unbedingt erforderlich.

Plätze werden nach dem Prinzip First Come, First Served vergeben.

* Tickets für Pacifiction sind zum regulären Preis an der Vorverkaufs- bzw. Abendkasse des Gartenbaukinos erhältlich.

In Kooperation mit

Filmgarten Filmverleih

Klasse für Bühnen- und Filmgestaltung, Universität für angewandte Kunst Wien

Andergraun Films

Honor de Cavalleria (Spanien 2006)

Albert Serra

Mit seinem neuesten Film Pacifiction war Albert Serra heuer erstmals im Wettbewerb von Cannes vertreten. Der Thriller mit dem französischen Star Benoît Magimel in der Hauptrolle, gedreht in visuell berauschenden Südseegefilden, gilt vielen Kritikern als einer der Filme des Jahres 2022.

Doch schon Serras erster Spielfilm Honor de Cavalleria (Quinzaine des Réalisateurs 2006), zählte für die Cahiers du Cinéma zu den 10 besten Filmen des damaligen Kinojahres: Die lose und lakonische Adaption von Cervantes‘ Klassiker Don Quixote“, mit Laiendarstellern und geringsten Mitteln auf DV gedreht, wurde für ihren beinahe präpotenten Minimalismus angesichts der übergroßen literarischen Vorlage gefeiert, ebenso wie für den feinen Humor, der den alternden Ritter von der traurigen Gestalt und seinen treuen Gefolgsmann, den dicken und wortkargen Sancho Pansa, trotzdem nie der Lächerlichkeit preisgibt. Die beiden streichen müßig durch die Landschaft Kataloniens, knacken Nüsse mit Steinen, baden im Fluss, dösen in der Nachmittagssonne – oder fordern den Schatten eines Baums zum Schwertkampf heraus.

Ein Meister der Parodie, zeichnen sich Serras radikal entschlackte und verquere Adaptionen kanonischer Literatur auch durch ihre großzügige Zuneigung zu allen menschlichen – oder genauer: männlichen – Exzentrizitäten und Eitelkeiten aus, egal ob es sich um die heiligen drei Königen auf der epischen Suche nach dem Jesuskind in El cant dels Ocells (Quinzaine des Réalisateurs 2008) handelt, um die fiktive Begegnung von Casanova und Dracula in Història de la meva mort (Goldener Leopard, Locarno 2013), um den dahinsiechenden Sonnenkönig auf seinem hedonistischen Totenbett in La mort de Louis XIV (Official Selection, Cannes 2016), oder um den Duc de Walchen in Liberté (Spezialpreis der Jury, Un certain regard 2019), einem Anhänger der Libertinage“, die auf der Ablehnung von Moral und Autorität beruht. Die Zeitlosigkeit von Serras Filmen resultiert nicht zuletzt daraus, dass die Figuren nie zu Stellvertretern für eine moralische oder politische Überzeugung des Filmemachers werden; sie erlangen ihre Transzendenz durch die Unmittelbarkeit des Gezeigten, das ebenso für sich selbst steht wie es über sich hinausweist.

Pacifiction, der nicht auf einem klassischen oder historischen Stoff beruht, sondern in einer fiktiven Gegenwart spielt, handelt von einem Gerücht, das auf einer Südseeinsel, einem französischen Überseegebiet, die Runde macht, wonach die Armee der ehemaligen Grande Nation dort ihre Atomtests wieder aufnehmen könnte. Mit Pacifiction scheint in mehrfacher Hinsicht eine neue Phase in Serras Filmschaffen angebrochen zu sein, in der er eine immer noch reduzierte Handlung mit ungewöhnlich opulenten Bildern und Tönen kontrastiert.

Pacifiction (Frankreich, Spanien, 162 min)